6. Die potentielle natürliche Vegetation
Die Vegetation des Untersuchungsgebietes war wie die des gesamten Mitteleuropa im Laufe der Geschichte
den verschiedensten Einflüssen ausgesetzt. In den letzten zwei Jahrtausenden war es vor allem der
Mensch, der die stärksten Veränderungen ausgelöst hat. Als Maß für die
Veränderungen, die zu der heute vorhandenen aktuellen Vegetation geführt haben, dient die
frühere natürliche Vegetation vor den anthropogenen Beeinflussungen. Wegen irreversibler
Veränderungen des Bodens kann die frühere natürliche Vegetation aber nicht unbedingt
und in allen Fällen als das heutige Standortspotential vorausgesetzt werden (LEUSCHNER et al. 1993) .
Mitteleuropa wäre wahrscheinlich ohne die Eingriffe des Menschen bis auf die Moorgebiete und das
Watt vollständig bewaldet. Die Karte der potentiellen natürlichen Vegetation
(KRAUSE & SCHRöDER 1979 ) weist für die Rote Fläche I hauptsächlich
einen trockenen Birken-Eichenwald auf nährstoffarmen Sanden aus, das Betulo-Quercetum
typicum. Nach TüXEN (1967) ist dieser Eichen-Birkenwald eine in Nordwestdeutschland und den
Niederlanden endemische Biozönose, die nur auf dem eiszeitlichen Quarzsand dieses Gebietes als die
natürliche Wald-Gesellschaft vorkommt und in anderen Gegenden fehlt. Neuere Untersuchungen
ergaben aber, daß die potentielle natürliche Vegetation der grundwasserfernen,
überwiegend nährstoffarmen Standorte der saaleeiszeitlichen Geestlandschaften
überwiegend aus bodensauren Drahtschmielen-Buchenwäldern besteht.
LEUSCHNER ET AL. (1993) wiesen nach, daß sich die ärmste Variante von bodensauren
Buchenwälder hinsichtlich ihrer austauschbaren Kationen im Mineralboden und der Stickstoff-
Nettomineralisation nicht von Beständen buchenarmer Birken-Eichen- oder Birken-
Kiefernwälder unterscheidet. Für eine Limitierung des Vorkommens der Buche stellte sich eher
eine geringmächtige organische Auflage als entscheidend heraus, wie sie an Sonderstandorten, z. B. an
Hanglagen und auf jungen Dünen, zu finden ist. Im Untersuchungsgebiet entsprechen diese Standorte
den Hanglagen am Möhrengrund und die im südlichen Teil liegenden Jungdünen.
Auf anlehmigen, silikathaltigen Moränen- oder Flottsandböden findet man gelegentlich noch
Traubeneichenwälder (ROESCHMANN 1971 ). Diese kann man auf die
ursprünglich vorhandenen
Traubeneichen-Buchenwälder, dem Fago-Quercetum, zurückführen. Von Natur
aus würde hier die Buche dominieren. Die menschliche Nutzung bevorzugte aber die Traubeneiche
für Knüppelholz, so daß die Buche als unerwünschte Holzart zurückgedrängt
wurde (KRAUSE UND SCHRöDER 1979 ). Leucobryum glaucum und Pinus sylvestris zeigen in solchen
Wäldern eine stärkere Podsolierung an (HANSTEIN 1986 ).
Im südöstlichsten Zipfel des Untersuchungsgebietes ist der Standort für einen Birkenbruchwald,
dem Betuletum pubescentis, einschließlich Gagelgebüsch, Myricetum gale und Erica-Heide,
Ericetum tetracilis; westlich schließt sich ein Hochmoor-Vegetationskomplex an. Für den
Möhrengrund (s.Abb.3) wäre die potentielle natürliche Vegetation ein Eschen-
Auenwald (KRAUSE UND SCHRöDER 1979 ).
Obwohl das Untersuchungsgebiet sich außerhalb der geschlossenen Kiefern- und Fichtenareale
befindet, können BUCHWALD (1951) und JAHN (1985) aber im Bereich der Binnendünen und
Hochmoorränder auf einen natürlichen Anteil von Kiefer und Fichte hinweisen. |