Vegetationsstudie in der Lüneburger Heide

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7.3. Initialstadien und Agrostis capillaris-Rasen

Verschiedene Autoren beschreiben Agrostis capillaris-Bestände, die unterschiedlichen Gesellschaften angehören. Pott (1995) beschreibt sie als dichte Bestände in norddeutschen Sandlandschaften an Feldwegen. Pott und Hüppe (1991) halten sie für nordwestdeutschen Hude- und Heidelandschaften charakteristisch. Als eine Folgegesellschaft einer Moosgesellschaft (wahrscheinlich Funarietum hygrometricae) beschreibt Runge (1979) einen Trockenrasen aus Festuco ovina, Agrostis capillaris und Deschampsia flexuosa. Als Abbaustadium des Aireteum praecocis gibt Oberdorfer (1993) Agrostis capillaris-Rasen mit Deschampsia flexuosa und Festuca ovina an, die bei Nachlassen von Störungen und Sandverwehungen entstehen. Von Brache- und Ruderalfluren des Roten Straußgrases berichtet Arndt (1956) mit Arten der Festuco-Sedetalia wie Armeria maritima var. elongata und Potentilla anserina.

Die Standorte der ehemals stark und unterschiedlich lange befahrenen Pisten sind vermutlich in tieferen Bodenschichten stark verdichtet (ca. 60 cm Tiefe), während der Oberboden durch die Befahrung mit Kettenfahrzeugen gelockert aufliegt (s. Kap. B 3.). Die daraus resultierenden Bedingungen sind für die einsetzende Vegetationsbesiedlung unterschiedlich. Zum einen stellen die Verdichtungen im Unterboden eine Stauzone für Oberflächenwasser dar, so daß dadurch Feuchtigkeit länger für Pflanzen verfügbar wird, solange sie nicht zu Verschlämmungen führen, die für Landpflanzen unverträglich sind. Im Frühjahr sind derartige Wassermassen beobachtet worden, daß in leichten Senken der Wasserspiegel über dem Boden stand und auch die etwas höher gelegen Partien nur mit Gummistiefeln betretbar waren, mit denen man tief im Boden einsackte. Der aufgelockerte Oberboden hingegen hat nur eine geringe Wasserkapazität, so daß bei trockener Witterung vorhandenes Wasser kaum gehalten wird und in tiefere Bodenschichten abfließt, so daß man ihn als besonders trocken charakterisieren kann. Flachwurzelnde Arten und Jungpflanzen leiden demnach auf diesen Flächen unter Wassermangel. Für tiefer wurzelnde Pflanzen stellt sich dieser Standort als besonders feucht heraus. Auf den noch vegetationsfreien Flächen kommt als weiterer ökologischer Faktor hinzu, daß der lockere Oberboden leicht verweht und aufkeimenden Jungpflanzen nur wenig "Halt" gibt. Desweiteren wird dieser Sand aber auch wieder abgelagert, so daß die aufkommende Vegetation zusätzlich mit einer Übersandung fertig werden muß.

Viele der vorgefundenen Arten auf diesen Flächen sind Zeiger für trockene Böden, wie Rumex acetosella, Polytrichum piliferum und Spergula morisonii, allesamt Licht- bzw. Vollichtpflanzen (Ellenberg 1991). Sie können als erstes mit der Besiedlung der vegetationsfreien Flächen beginnen (Aufn. 58-61, Tab. 7.3.). Hinzu treten Arten, die eine weite Amplitude in Bezug auf ihre Wasseransprüche haben, wie Pinus sylvestris, Deschampsia flexuosa und Betula pendula. Juncus squarrosus in Aufn. 59 als einziger Vertreter der Feuchtezeiger konnte sich die Staunässe zunutze machen und spiegelt die unterschiedlichen Feuchtigkeitsverhältnisse wider. Agrostis capillaris ist nur spärlich vertreten. Sie ist eine ausdauernde Pflanze. Vegetativ verbreitet sie sich über kurze Rhizome. Da sie auf ehemals befahrenen Panzerpisten flächendeckend zu finden ist, kann auch hier davon ausgegangen werden, daß sie in den folgenden Jahren diese Standorte rasenbildend besiedelt, Tabelle 7.3.

In zwei Aufnahmen (60 und 61) erreicht Rumex acetosella Deckungen bis zu 15 %. Aufn. 60 enthält zusätzlich Deschampsia flexuosa in Deckungen von 3 bis 5 %, Aufn. 61 Agrostis capillaris in Deckungen bis zu 25 %. Die Gesamtdeckung liegt hier mit 10 und 40 % um einiges höher als die im letzten Absatz besprochenen Initialbestände. Diese Flächen wurden schon länger nicht befahren und konnten eher von Pflanzen besiedelt werden. Vermutet wird hier, daß vor allem Agrostis capillaris die noch fast vegetationsfreie Fläche am schnellsten flächendeckend besiedelt. Möglich wäre eine folgende leichte Verbesserung der Stickstoffverhältnisse, indem die aufkommende Vegetation die durch wind- und wasserbedingte Erosion von Feinpartikeln etwas auffangen und festlegen kann. Vermutet wird aber, daß nach Aussetzen der Befahrung der Boden sich langsam setzt und dadurch bessere Besiedlungsbedingungen entstehen. Regengüsse und die im Frühjahr beobachtete Nässe können durch ihr Gewicht und durch Kohäsion und Adhäsion des Wassers mit den Sandpartikeln dazu führen, daß der Boden "sackt". Dadurch kann Feuchtigkeit besser gehalten werden und die darin gelösten Nährstoffe stehen aufkommender Vegetation länger zur Verfügung. Warum gerade hier Keimlinge von Pinus sylvestris und Betula pendula fast fehlen, ist schwierig zu beurteilen. Für Aufn. 60 gilt als Besonderheit, daß sie in der Nähe von großflächigen Heidebeständen gemacht wurde, so daß der von dort eintreffende Diasporeneintrag das gehäufte Vorkommen von Deschampsia flexuosa erklären können (s. auch Aufn. 69 und 68 unten). Initialstadien mit hohen Deckungsanteilen von Rumex acetosella agg. und wenig Agrostis capillaris beobachten Hülbusch et al. (1983) in ihrer Arbeit über die Veränderung der Pflanzendecke durch militärische Übungen in der Lüneburger Heide.

Die im Untersuchungsgebiet großflächig vorliegenden Agrostis capillaris-Rasen bilden einen typischen Aspekt der Pisten, die seit einigen Jahren aus der Befahrung herausgenommen wurden und zu dem Zeitpunkt vegetationsfrei vorlagen. In einigen ist Calluna vulgaris fast vollständig verschwunden (Aufn. 62) oder nur sporadisch vertreten (Aufn. 63 und 64). Geht man von einer Auslöschung der Samenbank der ehemaligen vegetationsfrei gefahrenen Flächen aus, wie Täuber (1993) für die Rote Fläche II feststellte, ist der Eintrag von Diasporen von außen durch Wind, Wasser und Tieren für die Wiederbesiedlungen verantwortlich. Agrostis capillaris-Rasen stellen sich als erste flächendeckende Vegetation auf diesen Fächen ein, wie Busch (1993) und Täuber (1993) auf ihren Untersuchungsgebieten, Rote Fläche IIIa und II, beobachten konnten. Aufn. 65 belegt, daß durch die Nähe zu intakten Heidebeständen eine Regeneration von Calluna vulgaris auf Agrostis-Rasen erfolgen kann. Der Standort dieser Aufnahme liegt zwischen zwei ausgedehnten, durch Schafweide gepflegte Heideflächen östlich von Schneverdingen. Die einst vegetationsfrei gefahrene Panzerpiste zwischen diesen Flächen zeigte im Untersuchungszeitraum eine Deckung mit Agrostis capillaris bis zu 87.5 %. Calluna vulgaris und Nardus stricta erreichten hier Deckungen bis zu 15 bzw. bis zu 5 %. Ellenberg (1986) betont, daß eine Windverbreitung von Calluna vulgaris über weite Strecken möglich ist. Besonders im Winter, wenn die Heideflächen mit Schnee bedeckt sind, können die Samen beträchtliche Entfernungen über die Eisflächen zurücklegen. Lütkepohl (1995, mdl.) konnte auf der Roten Fläche I in den windigen Herbstmonaten das "Treiben" der Calluna-Samen auf den offenen Sandflächen beobachten. Aufn. 64 ist weiter von diesen Heideflächen entfernt. Das sporadische Vorkommen von Calluna vulgaris und die mit recht hohen Deckungen wachsende Deschampsia flexuosa zeigen aber noch einen deutlichen Einfluß durch Eintrag von Diasporen. Insgesamt kann für einen Großteil der Flächen im südlichen und südwestlichen Teil des Untersuchungsgebietes dieser Einfluß festgestellt werden (s. Vegetationskarte im Anhang). Die Aufn. 63 zeigt nur sporadische, Aufn. 62 nur außerhalb der Aufnahmefläche gelegentliche Jungpflanzen von Calluna vulgaris. Mögliche Diasporeneinträge bilden die kleineren Heidereste an Waldrändern und am Möhrengrund. Das in drei der Aufn. (63-64) sporadische Auftreten von Molinia caerulea bzw. Juncus squarrosus zeigt Staunässe, vermutlich durch Verdichtung, an.

Feuchtere Standorte mit Deckungen von Molinia caerulea bis zu 15 bzw. 25 % geben die Aufn. 66 und 67 wieder. In Aufn. 66 sind unzählige kleine Jungpflanzen von Calluna vulgaris aufgelaufen, während in Auf. 67 eine Deckung bis zu 25 % von Calluna vulgaris vorliegt. Die feuchteren Bedingungen scheinen sich hier besonders positiv auf die Keimung und das Wachstum der Besenheide ausgewirkt zu haben. Typische Heidebegleiter wie Nardus stricta in Aufn. 66 und Deschampsia flexuosa in Aufn. 67 erreichen ebenfalls hohe Deckungen. Der Anteil von Agrostis geht auf diesen Flächen stark zurück (bis zu 2 und 15 %). Diese am Fuß der Schneverdinger Endmoräne gelegenen Flächen enthalten vermutlich Geschiebelehm im Untergrund, der eine wesentlich größer wasserhaltende und -stauende Kraft hat als Sand. Solche Böden bilden in der Regel keinen Podsol aus, sondern oligotrophe Parabraunerde (Ellenberg 1986). Eine unter der Vegetationsdecke derart stark ausgebildeter Podsolboden mit wasserundurchlässigen Ortsteinbänken, wird zumindest für Aufn. 67 nicht vermutet. Dieser könnte zwar Stauwasser bilden, da aber Aufn. 67 um einige Meter höher liegt als die angrenzenden Flächen, muß der Unterboden eine starke Wasserkapazität besitzen, die das Wasser nicht lateral abfließen läßt.

Auf den ehemals stark befahrenen Flächen im Südteil der Roten Fläche I erreicht Deschampsia flexuosa neben Agrostis capillaris eine weitgehende Verbreitung. Nur Aufn. 69 enthält Jungpflanzen von Calluna vulgaris. Auffällig ist, daß eine Regeneration von Calluna auf vegetationsfrei gefahrenen Flächen nur beobachtet wird, wenn sich vorher eine lückige Rasendecke gebildet hat, die aus Molinia caerulea, Agrostis capillaris oder Deschampsia flexuosa bestehen kann. Die mögliche Festlegung von Nährstoffen durch die Gräser wird für die anspruchslose Besenheide nicht die Ursache sein. Eher kommt hier in Frage, daß nach einer Setzung des Bodens und durch "Auffangen" von feineren Bodenpartikeln die Wasserverhältnisse für die Keimung von Calluna günstiger sind. Ebenso sorgt die einsetzende Vegetation für die Ausbildung eines humosen Mineralbodenhorizontes (Ah), der die Feuchtigkeit besser halten kann. Hülbusch et al. (1993) werten Deschampsia flexuosa als Zeiger für etwas ältere, relativ ungestörte Wiederbesiedlungen.

Inwieweit die Mykorrhiza von Calluna vulgaris für eine Neubesiedlung mit der Besenheide notwendig ist, kann nicht mit Sicherheit geklärt werden. Als häufigster Symbiosepartner der Calluna-Heide findet man den Ascomyceten Hymenoscyphus ericae, einer endogenen Mykorrhiza (Johansson 1993). Hegi (1975) führt zwei Untersuchungen an, wobei eine die Notwendigkeit von Mykorrhiza für eine Etablierung der Besenheide ergab, während in der anderen Untersuchung ein normales Wachstum auf trockenen, humosen Sandboden von Calluna beobachtet wurde, ohne daß sie mit Mykorrhiza infiziert war. Hegi (1975) und andere Autoren (Burgeff 1961, Kriebitzsch 1976, Duckett und Read 1995, Strasburger 1991 u. a.) halten es aber für unumstritten, daß die Mykorrhiza von Calluna vulgaris eine wichtige Funktion übernimmt, nämlich die Aufschließung des sauren Humus im Wurzelraum und eine folgende Vermittlung von Stickstoff in Form von Nitrat an die Besenheide. Laut Kriebitzsch (1976) gehören Heideböden zu den wenig starksauren Böden, in denen nur Ammonium und kein Nitrat nachgeliefert werden kann. Diese Standortbedingung ist zumindest von indirekter Wichtigkeit, weil anspruchsvollere Wettbewerber so ausgeschlossen werden, während hingegen die Mykorrhiza der Besenheide einen starken Konkurrenzvorteil verschafft. Burgeff (1961) und Read (1991) halten Mykorrhiza für eine Voraussetzung einer Besiedlung. mit Calluna. Unter Laborbedingungen konnten beide nachweisen, daß sich die Wurzelhaare von Ericaceen (?) in sauren Substraten nicht mehr ausbreiten, wenn eine Infektion mit Hymenoscyphus ericae fehlt. Duckett und Read (1995) stellten fest, daß einige Familien der Lebermoose (Lepidoziaceae, Calypogeiaceae, Cephaloziacea und Cephaloziellaceae) Mykorrhizen mit Calluna vulgaris gemeinsam haben (Hymenoscyphus ericae, Oidiodendron spec.). Da diese Lebermoose auf sauren Standorten und als Epiphyten auf Bäume zu finden sind, halten Duckett und Read (1995) diese Moose für Verbreitungsträger der Mykorrhizen. Innerhalb der Aufnahmen der Tab. 7.3. wurden keine Lebermoose als Begleitflora gefunden, in den Heideaufnahmen der Tab. 8 ist das Lebermoos Cephaloziella hampeana in drei von siebzehn Aufnahmen vertreten. Die These von Duckett und Read (1995) kann damit zumindest mit diesen Aufnahmen nicht bestärkt, aber auch nicht ausgeschlossen werden.

Tromp (1968) empfiehlt für devastierte Truppenübungsplätze eine Begründung von Calluna-Heide durch Aussaat, weist aber darauf hin, daß diese Flächen erstmal flechtenlos bleiben werden.

Der kleine Bestand der Fadenbinse auf diesen stark befahrenen Flächen ist ungewöhnlich und auch nur einmal gefunden worden. Die Juncus filiformis-Gesellschaft ist an sich auf gedüngten Feucht- und Naßwiesen auf kalkarmen Böden zu finden. In Norddeutschland ist sie selten und oft nur kleinflächig auf Anmoorböden zu finden. Im Untersuchungsgebiet ist die Juncus filiformis-Gesellschaft in räumlicher Nähe zum Möhrer Moor gefunden worden (ca. 100 m Entfernung).

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